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    „Die Toteninsel“ (Inhaltsverzeichnis)
   

1. Transformation (1999-2005). Texte und Audiofiles   (mehr)
2. Über die Zauberberg-Trilogie   (mehr)
3. Inhaltliche Aspekte   (mehr)
4. Hörbeispiele   (mehr)
5. Texte in der Komposition   (mehr)

   
    1. Transformation (1999-2005)
   
1

Wenn eigene Wünsche, Vorstellungen und Fähigkeiten mit nicht bestimmbaren Faktoren korellieren, die ich mit „zur rechten Zeit am rechten Ort“ umschreiben würde, dann spricht man im allgemeinen von „Erfolg“. Nur ein (wenn auch sehr vielschichtiger) Aspekt dieses seltsamen Begriffes hat sich dabei für mich als brauchbar erwiesen: aus der Erfahrung der Anerkennung die Möglichkeit zu haben, den Grad der eigenen Unabhängigkeit Stück für Stück weiter voranzutreiben. Das hiess für mich künstlerisch: Rückzug ins „Kammermusikalische“, weg vom „grossen Lauten“ hin zum „kleineren Stillen“, zur Intimität, zur Frage nach der Identität ( im Gegensatz zur Stilisierung/Inszenierung ). Leiser, weniger grossspurig, dafür differenzierter, skeptischer, mehrdimensionaler, folglich polarisierender und ungefälliger. Zerlegung des grossen Gestus in seine komplizierteren Einzelteile. Der grosse Wunsch, irgendwann an den Punkt zu kommen, an dem die Zusammensetzung der Einzelteile ein komplexeres Ganzes darzustellen vermag. Nicht über-verkopft, aber erst recht ohne Simplifizierung / Stilisierung / Konfektionierung ( und damit Ent-Wertung zur marktkompatiblen Ver-Wertung) des Resultats.

2

aus: Partituren und Interpretation, Tagebuch 05.mai.2005
„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“. Es hat mich immer eher befremdet, wenn irgendein DJ oder „Künstler“ davon plapperte, gestern „schnell einen Track gemacht zu haben“ (er, oder der Toningenieur im Hintergrund ?) und der Zeitgeist diese musikalische Unbedarftheit sogar als „Errungenschaft“ bejubelte (bis dann der selbe Zeitgeist auf Grund einer maßlosen Gleichheit , Beliebigkeit und Menge der Machwerke das gesamte Kind mit dem Bade ausschüttete - weil nichts mehr von der Substanz übrig geblieben war). Von Markt und „Berühmt/Gefragt-und Erfolgreich-sein-Wollen gesteuerte Dilettanten in der Musik-, Medien- und Bewusstseinsindustrie : Musik wird immer unanstrengender, beliebiger, austauschbarer, sowohl was die Produktion, als auch ihre Konsumierung anbelangt. Heraus kommt eine Masse an Gleichheit, die anödet und ständig nach „Neuem“, aber bitteschön wieder schnell und leicht zu verdauendem/vermarktbarem Material schreit. Dann jagen sie alle nach dem „nächsten grossen Ding“, Haltbarkeitsdatum unter 3 Monaten; das Marketing wird`s schon machen ...Doch Komplexität und Ausdruck, individuelle Kreativität und Erfindungsreichtum haben mit „Können“ zu tun, dass man sich in mühsamen Prozessen erarbeiten muss. Das klingt „alt“ in den Ohren und Köpfen der Geschmacksverstärker - doch mangels eigener Möglichkeiten haben sie gar keine andere Wahl, als so zu denken, wie sie es tun. Denn nur dies haben sie gelernt im wunderbaren Hier und Heute der Spassmaximierung - hinter der immer die GEWINNMAXIMIERUNG steckt: „Handeln“ im kapitalistischen, nicht im ethisch - philosophischen Sinne des Wortes.

3

Audiofile 1: Diktatur der Gegenwart I (aus „Die Toteninsel“: III. Satz, „Baisse“, 2000) [MP3] [RA]

4

Audiofile 2: Diktatur der Gegenwart II (11.September 2001) [MP3] [RA]

5

Audiofile 3: Diktatur der Gegenwart III - Karrieren (Selbsterfüllende Prophezeiung)
a) „Bierzelt“ [MP3] [RA]    b) „Mann von Welt“   

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Audiofile 4: aus „Tagebuch eines Städtbewohners“ (Hörspiel von Sabina Sölbeck, 2003) [MP3] [RA]

7

Audiofile 5: Lernen und experimentieren (alternatives Arrangement von „Jahrhundertwende“ während der Arbeit an „Die Toteninsel“, 2001) [MP3] [RA]

Die Sound-Beispiele benötigen entweder einen MP3- oder den RealPlayer (www.real.com), zum Anhören (korrekte Einbindung im Browser vorrausgesetzt) jeweils auf den "[MP3]" oder den "[RA]"-Link hinter dem Titel klicken.

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    2. Über die Zauberberg-Trilogie
   
„Popmusik“ muss auf Grund ihrer Komprimiertheit inhaltlich und stilistisch selbstredend eher eindimensional bleiben, sie lebt von dem Prinzip der Wiederholung (ein-) geübter Hörgewohnheiten. Die Jahre 1999 bis 2003 waren künstlerisch von dem Wunsch geprägt, Musik zu machen, die vielschichtigere Strukturen zu transportieren vermag; Musik, die sich nicht per se an der Vorgabe orientieren muss, sich möglichst mühelos und sofort in die Ohren der Hörerinnen und Hörer hineinzuschmeicheln. Erster Schritt war die Suche und Erprobung neuer Arbeitsweisen hinsichtlich Komposition und Klangerzeugung. In diesem Prozess bewegte ich mich von der Synthie / MIDI-Technik (die in der vorliegenden „Toteninsel“ streckenweise noch eingesetzt wurde) hin zur elektro-akustischen Klangforschung: die Untersuchung, Bearbeitung und Veränderung natürlicher Klänge gab mir die Möglichkeit, bisher noch „unerhörte“ Klangszenarien arrangieren zu können. So begann auf der einen Seite mein Interesse an der Untersuchung des Geräuschs als gleichberechtigtem Klang, auf der anderen Seite eine neue Hinwendung zu den klassischen Musikinstrumenten.

Diese Schaffensperiode der Neuorientierung soll mit der „Zauberberg-Trilogie“ dokumentiert werden. „Zauberberg“ als Bild für einen Ort, der räumlich und gedanklich getrennt ist von der Alltagswelt und seinen Funktionsmustern und Funktionsgeboten. Der durch seine Distanz „abgehobene“ Positionen, Blicke und Einstellungen ermöglichen kann.
Seit Jahr und Tag interessiert mich der immer wieder erlebte Widerspruch / Konflikt zwischen dem, was wir „denken zu sein“ und dem, was wir in unserer inneren Realität (die unser Handeln unterbewusst bestimmt), „wirklich sind“. Ich wollte musikalische Formen finden, die die Auseinandersetzung mit den existentiellen Fragen „Was ist der Mensch ?“, „Wie fühlt der Mensch ?“, „Wie erlebt der Mensch ?“, „Warum denkt der Mensch so wie er denkt ?“ klanglich übersetzen können. Inspirativer Kern ist die Denktradition der Romantik ( im besonderen Hölderlin - Robert Schumann - Caspar-David Friedrich ) zeitlich flankiert, hinterfragt und aufgehoben durch Heinrich von Kleist bzw. Karl Marx und Sigmund Freud.

Der Teil eins gibt Aufschluss über den Startpunkt auf der Suche hin zu einer zukünftigen Klangsprache, die sich am ehesten mit dem Begriff „Hörstück“ definieren lassen könnte. Sie stellt sich in der „Toteninsel“ noch sehr heterogen dar: das musikalische Material ist die Bestandsaufnahme einer ganzen Reihe von erprobten Klang-, Kompositions- und Produktionstechniken, die wie Mosaiksteinchen im Collageverfahren zu einem Hörbild zusammensetzt wurden. Die Kompositionen, deren Aufnahmen, ihre dramaturgische Organisation und Realisation in drei musikalischen Hauptsätzen entstanden in der Zeit zwischen Juli 1999 und Dezember 2001. Im Mai und Juni 2005 erfolgte ein kritisches Durchhören mit kleinen Korrekturen in der Gliederung und Mischung einzelner Parts. Strukturelle Veränderungen, neue Einspielungen oder klangliche Neubearbeitungen fanden nicht mehr statt: die Authentizität des Originalmaterials als Zeitdokument sollte unbedingt erhalten bleiben.

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    3. Inhaltliche Aspekte
   
1

aus: Tagebucheintrag vom 25.November.2005 „Über das Verhältnis Autobiografie und Umwelt in der Kunst“
„Autobiografisch“ scheint mir folglich jedes „Kunstwerk“ zu sein (selbst das ausschliesslich kommerzielle, denn auch, ja sogar gerade dieses verrät ja einiges über die dafür verantwortliche Persönlichkeit bzw. die Zeit, in der sie lebt und wie sie sich in diesen Umständen verhält...). In der Konsequenz daraus scheint es eher wichtiger zu untersuchen, inwieweit das originär „autobiografische“ Werk für den Hörer, die Hörerin Sinn macht. Da könnte man mit den Stichworten „Identifikation“, „Konfrontation“ , „Aufhorchen“ und „Relevanz“ arbeiten. Ich glaube, dass eine rein subjektive Nabelschau der persönlichen Biografie vom inhaltlichen Qualitätsanspruch an eine Komposition her nicht ausreicht. Sie muss sowohl den Ausführenden als auch den Hörenden langweilen, weil sie zu „durchsichtig“, zu „eindimensional“ ist. Dagegen macht es Sinn, von einer eigenen Befindlichkeit auszugehen (denn sie ist der stärkste, weil authentischste kreative Ansatz, der mir zur Verfügung steht), um in der künstlerischen Auseinandersetzung dann zu einer „aufgehobenen“ objektivierten Aussage zu kommen. Der Reiz und die Kunst besteht darin, in andere Rollen zu schlüpfen, verschiedene Standpunkte auszuloten, dazuzulernen, eine Sache zu drehen und zu wenden, um ihr - im Laufe der Arbeit - NEUE Aspekte abzugewinnen. Ich möchte (als Ausführender) eine komplexe (Mikro-)Welt zur Verfügung stellen können, als „Publikum“ habe ich an das Werk eines Künstlers den Wunsch, eine komplexe Mikro-Welt zu meiner Verfügung gestellt zu bekommen.
„Die Toteninsel“ geht auf meine „autobiografische“ Faszination dem bekannten Gemälde gegenüber zurück. Dieses Bild „tut etwas mit mir“, es versetzt mich in eine schwierig mit Worten beschreibbare Stimmung, es führt mich in eine absolut spezielle Welt. Ich unterstelle, dass es den meisten Menschen, die dieses Bild betrachteten, auf Ihre Art genau so ging, geht und gehen wird. Dabei ist es sicher sehr interessant, die „autobiografischen“ Motive des Malers zu kennen, doch beweist die Tatsache, dass - selbst, wenn ich diese Motive kenne- dies meiner eigenen Vorstellung, die mir das Bild gibt, keinerlei Grenzen setzt. Es ist in meinem Kopf „mein“ Bild und im Kopf des nächsten Betrachters „sein“ Bild. Wenn Kunst das schafft, dann ist es für mich „Kunst“ und nicht nur ein „Kunstprodukt“.

2 - Booklettext

I

Der Maler Arnold Böcklin (1827-1901) erhielt 1880 von einer jungen Witwe den Auftrag für „ein Bild zum Träumen“. Seiner Auftraggeberin schrieb Böcklin in einem Brief im gleichen Jahr, „das Bild müsse so still werden, das man erschrickt, wenn an die Tür gepocht wird“. Die erste Version des Bildes hieß dementsprechend „Stille“, die vier folgenden Versionen erhielten den Titel „Die Toteninsel“.

II

Eine Reise auf spiegelglatter See, Hinüberrudern in eine andere Welt, die so faszinierend schön, wie bedrohlich unbekannt ist.

III

Meine Empfindung bei Betrachtung des Gemäldes übersteigt in überwältigendem Masse das, was ich sehe. „Die Toteninsel“ bewegt meine Phantasie. Die kreative Auseinandersetzung findet seinen Ausdruck in einem musikalischen Entwurf, der zweifellos als Fragment im klassisch - romantischen Sinne betrachtet werden darf. Sein Grundmotiv ist das Nachdenken über die Relation von „Zeit und Gedanke“.

IV

Über das Denken: „Im Gedanken leben alle Möglichkeiten des persönlichen Entwurfs gleichberechtigt nebeneinander. Im Gedanken ist nicht zu unterscheiden, zwischen dem, was Wirklichkeit geworden und was Traum geblieben ist“(Helmut Krausser, „UC“). Alles jemals Erwogene, Gewünschte, Vermiedene ist faktisch, wie auch die Unterschiede zwischen eigenen Erlebnissen, Erkenntnissen und Erfahrungen mit denen „aus zweiter Hand“ (Filme, Bücher, Interpretationen) verwischen, so dass sowohl die Kriterien „passiert“ und „gewünscht“, „eigen“ und „von aussen“, als auch die Zeiteinteilung in „Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft“ in der Gedankensphäre aufgehoben werden.

V

Über die Zeit: Es ist anzunehmen, dass einer Eintagsfliege ihre Lebenszeit ebenso hinreichend intensiv und lang vorkommt, wie uns die Eigene. Eine Schnecke hat ihre Langsamkeits- und Schnelligkeitskriterien, wie das jede andere Lebensform in ihrer Lebenswelt hat. Es gibt, nach diesen einfachen Beispielen zu folgern, keine objektiven Zeit-Kriterien. Zeit ist relativ, also eine subjektive Grösse.
Die Wahrnehmung eines für das menschliche Ohr kurzen Tones, beispielsweise eines Singvogels, wird bei technischer Verlangsamung zu einer vieltaktigen, hochkomplexen Melodiefolge. Und hätte beispielsweise ein Tischtennisspieler die Fähigkeit, seine Wahrnehmung eines Ballwechsels auf Zeitlupenniveau zu verlangsamen, stände ihm deutlich mehr Zeit zur Verfügung, sich richtig zum entgegenkommenden Ball stellen zu können. Beobachtete Zeit würde sich also ausdehnen.

VI

Mein musikalischer Entwurf der „Toteninsel“ versucht, diese Gedanken näher unter die Lupe zu nehmen: stellen wir uns eine Person vor, die eine Zigarette raucht. Während sie einen Zug nimmt, durchfluten Gedanken ihren Kopf, geschichtet und parallel. Das Ich dieser Person wird sich maximal die Spitze dieser Assoziationen bewusst machen, wird höchstens ein Leitmotiv, eine Hauptstimme aus der Gesamtpartitur ihres Echtzeitgedankenflusses extrahieren können. Hätte diese Person nun die Möglichkeit, die Zeit zu verlangsamen, so könnte sie tiefer in das, was wir „das Unterbewusste“ nennen, hinabtauchen. Sie könnte mehr über ihre innere, eigene Welt erfahren, und müsste folglich ein anderes Verhältnis zu sich selbst und der äusseren Welt erhalten - wie immer dieses aussehen und welche Konsequenzen das auf ihre „Synchronisationsfähigkeit“ mit der Umwelt haben würde. Sie würde sich auf eine interessante Reise machen: in einem Boot auf spiegelglatter See hin zu einer unbekannten Insel. Versuchen wir, die Zeit einen Augenblick zu dehnen, von drei Sekunden auf etwa fünfzig Minuten...

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    4. Hörbeispiele
   



Audiofile 1: „die Toteninsel“ Exzerpt aus dem 1. Satz („Gegenwart“, 1:23-4:19) [MP3] [RA]

Audiofile 2: „die Toteninsel“ Exzerpt aus dem 2. Satz („Ultrachronos“, 0:00-2:44) [MP3] [RA]

Audiofile 3: „die Toteninsel“ Exzerpt aus dem 3. Satz („Entropie“ 7:49-12:18) [MP3] [RA]

Audiofile 4: Sukzessive Verlangsamung einer Vogelstimme und Wahrnehmung [MP3] [RA]

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    5. Texte in der Komposition
   
gegenwart





wir sehen sie vor uns
diese männer
unrasiert, ungewaschen,
das gesicht schwarz unter dem stahlhelm,
das gewehr fest an sich gewandt,
die handgranate im stiefelschaft steckend,
fünf gestalten springen über eine kreuzung und
erreichen die nächste strassenzeile.
der kampf geht weiter


die waggontüren waren von aussen verschlossen
man hatte die riegelung geöffnet.
sofort wie wir ausgestiegen sind
ist vor unseren augen ein
fürchterliches bild.
an den geleisen vis-a-vis
stand ein verlassener zug
und vor dem zug, vor den waggonen
hunderte und tausende von reisegepäcken
aufeinander gestapelt.

gegenwart





und sagte denen also:
„kleidet euch aus, ihr werdet
geduscht und desinfiziert“.
an diesem gang
lagen dann verschiedene kammern,
ohne jede einrichtung,
kahl, nackt, zementfussboden.
auffällig und zunächst
unerklärlich war nur,
dass in der mitte ein vergitterter schacht stand,
der bis zur decke führte.
es hatte zunächst keine erklärung.
es sagte,
dass eine öffnung vom dach aus,
gas
und zwar in kristalliner form,
das zyklon b ...
bis zu diesem moment
war also der häftling
völlig ahnungslos
und dann war es
natürlich zu spät




„die gehen baden,
in einer stunde werden sie sich wieder sehen“.
da schrie ich
nach meiner frau und
nach meinen kindern -
auf ungarisch nach und
bin wieder zu meiner gruppe
zurück gegangen.
nie habe ich sie mehr gesehen



gegenwart



stürzt ab
sinken
deutlich sinken
so tief wie noch nie
noch sehr viel schlimmer noch
dort ging es ebenfalls steil abwärts
siemens
infineon
die aktie gelb
dort stürzten die Papiere
telekom-aktien kamen noch schlechter weg
ein schnäppchen machen



der erste schnee



fun

success

freedom

power

safety

adventure

sex appeal

happyness

comfort

progress






gegenwart












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